Kleines Fossil – ganz groß

Kleines Fossil – ganz groß
Universität zu Köln

Ein versteinerter Trilobit erzählt eine spannende Geschichte vom Überleben im Paläozoikum.

350512_web_R_B_by_Dieter Schütz_pixelio.de

© Dieter Schütz | pixelio.de

Der Angriff eines räuberischen Tintenfischs, schwere Verletzungen am Kopf und Auge, der verzweifelte Kampf ums Überleben – all das liest Privatdozentin Dr. Brigitte Schoenemann aus den Überresten eines Tieres. Vor 465 Millionen Jahren versteinert der Trilobit, den die Kölner Biologin vom vom Zoologischen Institut und Institut für Biologiedidaktik nun untersuchte. Minuziös wie eine Gerichtspathologin analysierte sie die Verletzungen, aus denen sie ein entscheidendes Ereignis im Lebenslauf des Trilobiten, eines ausgestorbenen Verwandten der heutigen Krebse und Insekten, rekonstruieren konnte. Aus der Tatsache, dass das Tier überlebte, folgert sie, dass Tiere bereits im Paläozoikum über ein gut funktionierendes Immunsystem verfügt haben.
Ihre Untersuchung wird nun in Scientific Reports 2016 veröffentlicht.

Trilobiten sind ausgestorbene Verwandte von Spinnentieren, Krebsen und Insekten, die damals als vorherrschende Tiergruppe die Meere des Paläozoikums besiedelte. Wie bei ihren Verwandten wird ihr Panzer zu klein, wenn sie wachsen; sie müssen ihn abwerfen. Dazu platzt der Panzer an Sollbruchstellen (Suturen) auf, das Tier schlüpft heraus. Zurück bleibt das leere Häutungshemd, die sogenannte Exuvie, deren Versteinerungen man mitunter findet. Die von Schoenemann und ihren Kollegen untersuchte Exuvie besteht aus Teilen des Häutungshemds des seltenen Trilobiten Telephina intermedia (Thorslund, 1935), der vor ca. 465 Millionen Jahren die warmen Meere rund um das heutige Skandinavien bewohnte. Bei dieser Art liegen die Sollbruchstellen auf dem Kopf zwischen Augen und Stirn (Glabella). Bei der Häutung wird der mittlere Teil wie der Deckel einer Dose aufgeklappt um das Tier zu entlassen. Dabei trennen sich die harten Schalen der Seitenwangen mit den Augen von dem Schalenteil der Stirn.

Genau dies konnten Schoenemann und ihre Ko-Autoren auch beim rechten Auge beobachten; es liegt rechts neben dem Rest des Häutungshemdes. Das linke Auge aber war unverändert in der alten Position und noch in Verbindung mit dem Rest der Exuvie – ein unscheinbarer, aber wichtiger Befund. Was konnte er bedeuten?

Bei genauerer Untersuchung des linken Auges bemerkte die Wissenschaftlerin, dass die Augenoberfläche einige tiefe Dellen aufwies; die Facetten, die früher ein faszinierendes, geordnetes Netzwerk von über tausend Einzellinsen wie in einem Libellenauge zeigten, waren ungeordnet, von unterschiedlicher Größe und fehlten in weiten Arealen des Auges ganz. Es fand sich nur eine glatte Oberfläche, die allerdings die alte, fast halbkugelförmige Form des Auges aufrechterhielt. Auch auf der Stirn, der Glabella, fand die Wissenschaftlerin einige solcher Dellen und stark verzahnte Linien, die von der größten dieser Dellen entspringen und sternförmig über den Kopf des Tierchens verlaufen, wobei sich eine davon oberhalb des linken Auges entlangzieht.

Kontakt:
PD Dr. Brigitte Schoenemann
Tel.: 0221 470 7732
Mail: B.Schoenemann@uni-koeln.de