Essen unter Stress

Essen unter Stress
DSHS

Besser ein paar Schritte zur Kantine gehen.

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Unter Stress verändern viele Menschen ihr Essverhalten: Schokolade, Kekse oder salzige Snacks stehen dann vermehrt auf dem Speiseplan. Dass sich nicht nur die Nahrungsmittelwahl, sondern auch die Kaufrequenz verändert, zu dem Ergebnis kam eine Untersuchung von Katja Petrowski, (Professur für Präventionsforschung mit dem Schwerpunkt betriebliche Gesundheitsförderung). Wie kann man also die Mittagspause gestalten, um dieser Falle zu entgehen, und welches Potential hat der Einsatz eines Kausensors für Patienten mit Essstörungen?

Frau Petrowski, in Ihrem Forschungsprojekt geht es um das Essverhalten unter Stress. Essen wir anders, wenn wir gestresst sind?
Wir haben uns zunächst in einer Studie das Essverhalten von gesunden Probanden angeschaut. Und wir konnten feststellen, dass Leute unter Stress mehr schlingen, also dementsprechend weniger kauen. Das aber wirklich nur die ersten Minuten nach der Stressinduktion. Sobald die Leute ein bisschen runterkommen, verflacht sich dieses Verhalten. Auch zeigten die Probanden mehr Appetit für Hochkalorisches, in unserer Untersuchung eher für salzige Nahrungsmittel, nicht wie oft angenommen für Süßes.

Wie haben Sie die Untersuchung durchgeführt?
Mit einem Kausensor im Ohr, der wie ein kleines Hörgerät aussieht, haben wir die Kaufrequenz- und die -effizienz gemessen. Unter Ruhe und Stress bekamen die Probanden als Mahlzeit in der Mittagspause eine Standard-Nahrung: zwei Käsebrötchen und Schokokekse. Zuvor hatten sie vier Stunden nichts gegessen und waren dementsprechend hungrig. In der Ruhebedingung durften sich die Probanden nicht bewegen, sondern nur sitzen und Zeitschriften lesen. Die Stressbedingung wurde durch eine standardisierte Stressinduktion herbeigeführt. Damit wir dokumentieren konnten, wie viel gegessen wurde, haben wir die Nahrung vorher und nachher gewogen.

Welche Mechanismen konnten Sie identifizieren?
Mit Hilfe einer Kontrastierung konnten wir unterschiedliche Reaktionsmuster in den Stresshormonen feststellen. Dabei haben wir das Cortisol über den Speichel erhoben. Diejenigen, die besonders viele Stresshormone ausgeschüttet haben, zeigten ein deutlich verringertes Kauverhalten – im Gegensatz zu denen, die moderat reagiert haben. Die hormonelle Reaktivität ist ein Faktor, der das Essverhalten beeinflusst, die subjektive Bewertung, wie stressig die Situation empfunden wird, ist aber genauso wichtig. Diese haben wir über einen Fragebogen erhoben. Weiterhin wurde die Herzratenvariabilität gemessen, mit der die Stressregulationsfähigkeit bestimmt werden kann.

Sollte man in der Mittagspause also lieber ein paar mehr Schritte vom Büro in die Kantine gehen?
Das ist sinnvoll, um den Stresseffekt auf den Appetit, die Geschwindigkeit der Nahrungsaufnahme und die Wahl der Nahrungsmittel zu eliminieren. Es reicht schon eine kurze Zeit, um eine Normalisierung der Stresshormone zu gewährleisten.

Auch im Bereich Essstörungen kann der Einsatz eines Kausensors hilfreich sein. Sie haben eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft für eine Studie erhalten…
Ja, aufbauend auf der ersten Studie untersuchen wir zurzeit das Essverhalten bei Essgestörten und Patienten mit Adipositas I und II. Auch bei ihnen schauen wir, wie das Kauverhalten unter Stress und in Ruhe ist – das Studiendesign ist dasselbe. Wir wissen durch eine Pilotstudie bereits, dass sich die Adipositas-Patienten von den Gesunden in der Cortisol-Reaktivität unterscheiden, weitere Daten befinden sich derzeit in der Auswertung.

Welche wichtigen Informationen können hier mit dem Kausensor gewonnen werden?
Über den Sensor kann man gut spezifizieren, was und wie viel diejenigen gegessen haben. So lässt sich festhalten, was gegessen wurde, ob beispielsweise Joghurt, Brötchen oder Kekse. Die Störungsbilder bringen mit sich, dass die Patientinnen und Patienten beim Essen über- oder untertreiben und ihre wahrgenommene Realität nicht dem entspricht, was sie tatsächlich essen. Der Kausensor kann eine Art Hilfestellung sein, um eine Kontrolle zu bekommen, wie viel Nahrung aufgenommen wurde. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass nicht immer direkt ein Therapieplatz verfügbar ist, ist das eine gute ambulante Lösung.

Könnte der Kausensor zukünftig beim gesunden Essen unterstützen?
Derzeit wird der Sensor wireless entwickelt, sodass man diesen den Patienten auch mit nach Hause geben kann. Denn wir wissen, dass sowohl eine Rückmeldung über das Kauverhalten als auch alleine schon die Tatsache der Kontrolle zu einer Veränderung im Essverhalten führen. So kann man ihnen quasi beibringen, dass sie langsamer kauen und häufiger schlucken. Über dieses Biofeedback lassen sich Verhaltensänderungen herbeiführen – nicht nur beim Krankheitsbild Essstörungen.

Kontakt:
Prof. Dr. Katja Petrowski
Tel.: 0221 1681-5011
Mail: k.petrowski@dshs-koeln.de