Kölner Wissenschaftler erzählen

Freitag 12. Februar 2010 von HH

Kölner Wissenschaftler erzählen
Dr. Ricarda Schubotz

Sechs Fragen an die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung.


Warum sind Sie Wissenschaftlerin geworden?


Ich bin Kind wissensdurstiger Eltern, die aus den Bedingungen ihrer Zeit heraus nur begrenzt Möglichkeit bekamen, ihre Fähigkeiten und Vorlieben umzusetzen. Überzeichnet lässt sich das so beschreiben: die Gelenke des Brathähnchens wurde beim sonntäglichen Mittagessen ausführlich bewundert und dokumentiert, danach ging es raus in die Natur („Da! Da oben!! Ein Bussard!!!“), und abends gab es dann immer was im Duden nachzuschlagen und zu diskutieren. Nach der Schule habe ich mich ohne den Reflex zur Absicherung auf diejenigen Fächer gestürzt, die mich am meisten faszinierten. Daß es dann aber an den entscheidenden Punkten in meinem Leben großartige Chancen gab, verdanke ich dem Zutrauen, das einige Mentoren in mich hatten: erst Peter Bieri, dann Angela Friederici und schließlich Yves von Cramon.


Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit?


Wissenschaft ist ergebnisoffen, wie ein gutes Spiel. Zugleich berührt sie das Wesentliche: die Suche nach Wahrheit. Irgendwo zwischen diesen Polen schwingt die Arbeit – sozusagen zwischen „U“ und „E“. Auch wenn es manchmal Frust gibt: die Euphorie der Anfangszeit hat sich bei mir nicht abgenutzt.


Was waren Ihre größten Herausforderungen?


Sich als vollkommen Fachfremde eigenständig in ein neues und komplexes Fachgebiet einzuarbeiten, ohne seine Kollegen mit zu vielen Fragen zu vergraulen, war sicher nicht ganz einfach. Dann: nicht literarisch und individuell zu schreiben, sondern sich den knappen, einheitlichen Stil neurowissenschaftlicher Aufsätze zu eigen zu machen, fiel mir, da ich gerne schreibe, ebenfalls nicht leicht. Schließlich: das Gehirn seinem Aufbau nach zu begreifen, wird eine Aufgabe bleiben, die mich die nächsten Jahrzehnte immer wieder an meine Grenzen bringen wird.


Gab es auch Flops?


Jedes Experiment birgt, ganz gleich, wie sorgfältig es geplant und ausgeführt wird, einen Überraschungsfaktor – sonst müsste man erst garnicht zur Messung schreiten. Daraus lernt man, und im besten Fall entsteht gerade aus dem Unerwarteten eine neue experimentelle Frage. Böse Überraschungen hingegen möchte man vermeiden: Fehler im Versuchsaufbau oder Artefakte, die das Signal unleserlich machen. Natürlich ist mir das auch passiert. Einmal bin ich haarscharf an einem echten Flop vorbeigeschrammt: ein Experte konnte an meinem Poster die Frage, warum ein bestimmtes Areal nicht aktiv ist, nur mit Schulterzucken beantworten. Alarmiert ging ich zu Hause die Analyse noch einmal durch und fand einen Fehler in der Auswertung – erfreulicherweise noch bevor ich den Artikel eingereicht hatte.


Woran arbeiten Sie gerade?


Zur Zeit versuche ich herauszufinden, wie wir Struktur in den Ereignissen entdecken, die ständig um uns herum stattfinden. Und wie wir uns diese Struktur zunutze machen, um den Ereignissen nicht hoffnungslos ausgeliefert zu sein, sondern sie zu einem gewissen Maß vorhersagen zu können. Das kann lebensnotwendig sein: soll ich noch schnell über die Straße laufen, oder warte ich das nächste Auto lieber ab? Im Moment geht es in meiner Arbeit aber auch um Handlungen anderer Personen, die wir beobachten. Auch hier suchen wir immer unwillkürlich Muster, an die wir uns halten können: was macht der denn da? Mich interessiert, wie sich dieses Bemühen um Vorhersage in vielen unterschiedlichen Anwendungen ausprägt.


Mit welchen Fragen werden Sie sich in zehn Jahren beschäftigen?


Auf diese Frage weiß ich erfreulicherweise keine Antwort und es wäre in meinen Augen, ehrlich gesagt, ganz schrecklich, wenn es anders wäre! Vieles hängt von der Weiterentwicklung der Methoden ab, die der systemischen Neurowissenschaft zur Verfügung stehen, aber auch von dem politischen Interesse an meiner Art von Forschung. Sofern dieser Zweig der Wissenschaft nicht dem derzeit immensen Sog der Mikro/Molekularebene zum Opfer fällt, werden mir die Fragen so schnell nicht ausgehen.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 12. Februar 2010 um 09:28 und abgelegt unter Kölner Wissenschaftler erzählen. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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